Neues Thema schreiben   Antworten     zurück Suche   Druckansicht  
Thema: Milch / Grüne Woche: Von Traumtänzern und Hasardeuren
Richard Ebert  Am: 22.01.2010 23:15:13 Gelesen: 1270# 1 @  
Überall sind die Meinungen des Bauernverbandes zum Milchmarkt zu lesen. Hier eine, die überhaupt nicht dazu passt.

---

Grüne Woche: Von Traumtänzern und Hasardeuren

von Karl-Dieter Specht

specht.over-blog.de (22.01.10) - Auf der „Grünen Woche“ gehört es von je her zum guten Ton, dass sich Agrar-Politiker aller Couleur medienwirksam zu Wort melden. Dieses Forum nutzt auch Bauernpräsident Gerd Sonnleitner und erklärt den verdutzen Milchbauern: „Jetzt geht es mit den Preisen und Notierungen für Agrar-Rohstoffe wieder aufwärts Nicht zuletzt“, so Sonnleitner, „hat das von der Bundesregierung aufgelegte Sonderprogramm für die Landwirtschaft mit dazu beigetragen.“

Die Illusionen des Bauernpräsidenten

Wohl wahr ! Rechnet man jedoch die durchaus anerkennenswerte „Wohltat“ auf das Kilo produzierte Milch um, dann liegt diese im Centbereich(Verluste der Milchbauern im WJ 2008/2009 10-12 Cents/kg/Milch).Zum Überleben zu wenig! Auch die angeblich von Sonnleitner herbeigeredete Trendwende hat nichts mit Markgeschehen zu tun sondern ist das Ergebnis der EU-Interventionsaufkäufe. Diese Interventionsmengen, so die Kommission, werden ab Mai „ausgelagert“. Es handelt sich hierbei um über 80.000 Tonnen Butter und über 280.000 Tonnen Pulver. Auf die Auswirkungen dieser Aktion, was den Milchgeldauszahlungspreis anbelangt, darf man gespannt sein. Es bleibt also von der groß angekündigten „Wende“ des Bauernpräsidenten nicht viel für die Milchbauern übrig.

Dr. Burkhard Otto 22-24 Cents/kg Milch für 2010?

Lassen wir mal einen Fachmann zu Wort kommen, Dr. Burkhard Otto, (Bereichsleiter Milchwirtschaft des Genossenschaftsverbandes) erklärte auf einer Versammlung in Baunatal (bei Kassel):“Für 2010 rechnet ich mit einem Milchgeldauszahlungspreis von 22- 24 Cents je kg/Milch. Wobei ein Ausschlag nach oben bis 29 Cents/kg/Milch möglich ist.“ Auch nach Auslaufen der Milchquote hat Dr. Otto Lösungsansätze parat: Jedes Mitglied einer Meierei-Genossenschaft darf, so hört man die frohe Kunde, dann unbegrenzt Milch liefern. Welch ein Befreiungsschlag für unsere Wachstumsfetischisten. Jedoch ohne Preisgarantie ! Das Risiko trägt – wie kann es anders sein – allein der Milchbauer. Angesichts der Tatsache, dass diese Offerte an die Milchbauern zwangsläufig zur Überproduktion führt, legt Dr. Otto gleich nach.

Bringt die B-Quote die Rettung? Oder: Der Milchbauer ist immer der Dumme!

Dann muss eben, so das Credo von Dr. Otto, die B-Quote her! Und die Milch der B-Quote wird, wie kann es anders sein, nach Spotmarktpreisen abgerechnet. Hauptsache das Unternehmen ist ausgelastet. Die Staffelung der Milchmenge in eine A/B-Quote löst aber das Problem der Überproduktion nicht. Im Gegenteil: Die B-Quote belastet zusätzlich den Milchmarkt und führt, gemäß dem ehernen Gesetz von Angebot und Nachfrage zur weiteren Preissenkung und damit zum Verfall des Milchgeldauszahlungspreises. Den Schaden tragen natürlich die Milchbauern.

Die Irrungen und Wirrungen des Udo Folgart

Auch der Milchexperte des Bauernverbandes, Udo Folgart, meldet sich zu Wort. Zitat: „ Zusätzlich belastend sei gewesen, dass politisch herumgeeiert und immer wieder nationale Alleingänge diskutiert worden seien. Geschehen sei dies, obwohl jeder wusste, dass es keine Problemlösung für ein europäisches, weltweites darstellt (gibt).Schließlich haben“, so Folgart, „die politische Vernunft und unsere Argumente (die es Bauerverbandes und der Milchindustrie)gesiegt.“

Wie sieht der (angebliche)Sieg aus?

Und wie sieht der Sieg aus? Gemäß Lesart von Folgart müssen Verwerfungen (sprich Überproduktion) durch ein Sicherheitsnetz der EU abgefangen werden. Mehr noch: Es muss weiterhin möglich sein, durch Exportförderung Drittmärkte zu öffnen und zu pflegen bei gleichzeitigem Außenschutz für die eigenen Produkte. Eine Haltung, die widersprüchlicher nicht sein kann. Zwar brauchen wir für unsere weichen Produkte einen gewissen Außenschutz. Den jedoch mit Exportförderung zu kombinieren ist schon ein starkes Stück aus dem Tollhaus! D.h. im Klartext: Die Überproduktion, die man bewusst in Kauf nimmt, soll zu Lasten der Dritten Welt auf dem Weltmarkt -wie bisher -verramscht werden. Von Marktanpassung, wie vom Europäischen Rechnungshof gefordert, ist (noch) keine Rede. Das passt ja nicht in das Konzept des Bauernverbandes und der Milchindustrie.

Es „Müllert“ mal wieder so richtig!

Auch Staatssekretär Dr. Gerd Müller (BMELV) hat sich auf der Grünen Woche vor erlauchtem Fachpublikum geoutet und stellte fest – Zitat: „ Für die EU als Nettoexporteur von Milch und Milcherzeugnissen ist mittlerweile der Weltmarkt die treibende Kraft.“ Dazu der Europäische Rechnungshof: Der Anteil der EU am Weltmarkt mit Milcherzeugnissen schrumpft seit 1984. Die europäischen Erzeuger sind auf dem Weltmarkt nicht wettbewerbsfähig. Exkurs: Die EU produzierte zirka 138,8 Mio. Tonnen Milch (2009) Davon wurden 2008 zirka 2,5 Mio. Tonnen. Milcherzeugnisse in Drittländer exportiert. Das sind zirka 10-15 Prozent der gesamten EU-Milchproduktion. Von den 2,5 Mio. Tonnen wurden zirka 10 % als Prämienprodukte exportiert. Es sind jene Produkte, die auch international noch eine Wertschöpfung für die Milchbauern abwerfen. Gemessen an der EU-Milchmenge ist dieser Anteil zu gering, um auf den Milchgeldauszahlungspreis durchzuschlagen. Es handelt sich hierbei um ein sicher auch in Zukunft zu bedienendes Exportgeschäft, das aber nicht zur Problemlösung geeignet ist. Darüber hinaus tritt China zunehmend als Exporteur von Milchprodukten auf dem Weltmarkt auf. Die Weltmilchproduktion 2009 hat sich nur unwesentlich um 0,5 Prozent auf insgesamt 430 Mio. Tonnen Milch verringert. D.h. von Marktentlastung kann keine Reden sein, zumal Neuseeland bald die 17 Mio. Tonnen/a knackt. Fonterra (neuseeländische Molkereigenossenschaft) breitet sich zunehmend auch in den Golfstaaten aus. Wer glaubt hier mithalten zu können, der spekuliert auf Steuergelder in Form von Ausfuhrerstattungen. Alle Experten sind sich einig, dass dieser globale Wachstumsmarkt wegen fehlender Wettbewerbsfähigkeit der EU-Milchbauern( zu hohe Produktionskosten in Europa)an der Milchindustrie weitgehend vorbeigeht. Vor dem Hintergrund dieser Faktenlage ist zu vermuten, dass Staatssekretär Dr. Müller offensichtlich zunehmend unter Realitätsverlust leidet. Hoffentlich steckt er mit seinen „marktfernen Erkenntnissen“ die Ministerin nicht an!

Gefährdet der Bauernverband die Direktzahlungen an die Bauern?

Dies ist eine Klientel-Politik, die rückwärtsgewandt ist und europaweit in Zukunft nicht mehr mehrheitsfähig ist. Die Stimmen, insbesondere im EU-Parlament, mehren sich, die diesen Wahnsinn nicht mehr mittragen wollen. Recht haben sie! Wann kommen der Bauerverband und die Milchindustrie endlich zur Vernunft. Mit ihrer Haltung gefährden sie die Direktzahlungen an die bäuerlichen Familienbetriebe.

(Quelle: http://specht.over-blog.de/article-grune-woche-von-traumtanzern-und-hasardeuren-43422540.html)
 
Bauer Bernie  Am: 23.01.2010 19:06:58 Gelesen: 1239# 2 @  
@ Richard Ebert [#1]

Tja die grüne Woche ist für die Landwirtschaft das Gleiche wie die Filmfestspiele in Cannnes oder die Berlinale für die Stars und Sternchen.

Jeder der etwas gilt in der Branche oder denkt er sei jemand muß sich sehen lassen und geistreiche Sätze fallen lassen.

Ich wiederhole mich zwar sag es aber trotzdem: Wer glaubt Europa und speziell Deutschland müsse für den Weltmarkt produzieren ist auf dem Holzweg.
Das geht ganz kurzfristig mal wie 2007 als weltweit die Produktion und die Erträge gering waren und die Weltwirtschaft wie geschmiert lief, als die Schwellenländer Geld hatten um Nahrungsmittel einzukaufen.
Diesen eng begrenzten Zeitraum als Beispiel herzunehmen als Beweis dass es doch gehen kann ist nicht redlich.

Mfg
BB
 
Saubauer2  Am: 24.01.2010 12:11:16 Gelesen: 1195# 3 @  
@ Bauer Bernie [#2]

Die Grüne Woche ist neben der Werbung für alle Produkte auch ein " Stelldichein" für alle Politiker die sich in den " Hinterstübchen " meist 1. Stock des Standes verwöhnen lassen.
Dort wurde auf Kosten der CMA alles was gut schmeckt und nichts kostet platt gemacht!!

Mancher ging und geht sicher auch heute noch ans Rednerpult mit Promille im Blut und labert viel Schmarrn!!
Ich gehe schon seit ein paar Jahren nicht mehr hin und das ist gut so!
Deshalb bewerte ich die Aussagen im Januar nicht und warte ob das Frühjahr was neues bringt.

Schönen Sonntag wünscht
Saubauer
 
Richard Ebert  Am: 25.01.2010 14:28:30 Gelesen: 1126# 4 @  
@ Saubauer2 [#3]

Die Grüne Woche ist neben der Werbung für alle Produkte auch ein " Stelldichein" für alle Politiker die sich in den " Hinterstübchen " meist 1. Stock des Standes verwöhnen lassen.

http://www.morgenpost.de/berlin/gruenewoche/article1239812/Frau-Aigner-pichelt.html

---

Berlin verdient 150 Millionen an Grüner Woche

Von Tanja Laninger

Berliner Morgenpost (24.01.10) - Zum Abschluss der Grünen Woche am heutigen Sonntag ziehen die Veranstalter eine positive Bilanz. Eine sehr positive sogar. Wieder seien mehr als 400.000 Besucher gekommen, die im Schnitt sogar noch mehr ausgaben als 2009. 42 Millionen Euro Umsatz machten auf diese Weise die Aussteller. Berlin profitierte - 150 Millionen Euro flossen durch auswärtige Besucher in die Stadt.

Die Grüne Woche trotzt der Krise. Die Besucherzahlen und die Konsumausgaben haben in diesem Jahr das hohe Niveau des Vorjahres gehalten. "Die Grüne Woche war ein voller Erfolg für die Aussteller, Teilnehmer und Besucher", so lautete gestern das Fazit von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU). Heute Abend geht die weltgrößte Leistungsschau der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie des Gartenbaus zu Ende.

Die Veranstalter rechnen bis zum Abschluss wieder mit mehr als 400.000 Besuchern, darunter 100.000 Fachbesucher. Das teilte die Messe Berlin in einem vorläufigen Resümee mit. Gegenüber dem Vorjahr seien die Pro-Kopf-Ausgaben der Gäste leicht um fünf auf 106 Euro gestiegen. Die Besucher haben im Schnitt 22 Euro für Speisen und Getränke ausgegeben und zusätzlich für 84 Euro Waren bestellt.

Die Umsätze der Aussteller lagen der Messe zufolge bei mehr als 42 Millionen Euro. Außerdem wurden Geschäftsabschlüsse in Millionenhöhe vereinbart. Allein Russland habe Verträge mit einem Volumen von 200 Millionen Euro abgeschlossen, so die Veranstalter. Der Hauptstadtregion hätten die Ausgaben der auswärtigen Besucher und Aussteller einen Kaufkraftzufluss von insgesamt 150 Millionen Euro beschert.

(Quelle und ausführlich weiter lesen: -> http://www.morgenpost.de/berlin/gruenewoche/article1244485/Berlin-verdient-150-Millionen-an-Gruener-Woche.html)
 
Saubauer2  Am: 25.01.2010 16:08:56 Gelesen: 1101# 5 @  
@ Richard Ebert [#4]

Ich hoffe die Frau Aigner hat das im Griff!

Sie wird schon nicht wieder von evtl. geringeren Fleischverzehr reden!

Vor einigen Jahren waren die Bedienungen nicht mehr vor den "Älteren Herren" sicher!

Aber auch Alkohol gehört zum Fach! Kann auch von Vegetariern verkostet werden.

MfG
 
Richard Ebert  Am: 06.02.2010 11:21:10 Gelesen: 996# 6 @  
Hier wieder ein Beitrag, der so gar nicht mit vielen der sonst üblichen Meinungen übereinstimmt.

---


Milchkrise: Potemkinsche Dörfer ?

Von Karl-Dieter Specht

specht.over-blog.de (05.02.10) - Als hätte es man geahnt: „Der Milchmarkt wird für die Erzeuger 2010 besser“, so ist es überall zu hören und zu lesen. Keine Fachzeitschrift verzichtet auf diese frohe Botschaft, denn es ist nicht schick kritisch zu hinterfragen woher die Besserung kommen soll. Selbst der Bauernverband „verpasst“ sich gern die rosarote Brille, um seine Fehler der Vergangenheit gegenüber den Milchbauern nicht sichtbar werden zu lassen. Zugegeben: Tiefer können die Milchgeldauszahlungspreise an die Milchbauern (fast) kaum noch fallen. Insoweit kann man eine Stabilisierung auf einem existenzbedrohenden Niveau ja schon mal als Erfolg bzw. Hoffnung verkaufen. Insbesondere dann, wenn man nichts anders den Milchbauern zu bieten hat.

Lassen wir doch mal die Fakten sprechen

Trotz stagnierender Nachfrage an Milchprodukten (teilweise ist eine Abnahme zu verzeichnen) ist die Milchproduktion in Deutschland um weitere 2,5% auf insgesamt 28,5 Mio. Tonnen/a. gestiegen. Diese Überproduktion fand keinen Absatz. Um einen Absturz der Milchgeldauszahlungspreise nicht ins Uferlose fallen zu lassen, musste die Intervention wieder aufgenommen werden. Bis Mitte August gingen allein 82.000 Tonnen Butter in die Intervention. Wegen fehlenden Absatzes von Prämienprodukten mussten weitere 280.000 Tonnen Pulver „auf Halde“ genommen werden.

Gesetze des Marktes werden ganz einfach ignoriert

An dieser Entwicklung wird auf dramatischer Art und Weise deutlich, was passiert, wenn Gesetze des Marktes nicht beachtet werden. Schon BWL-Studenten lernen im ersten Semester, dass Angebot und Nachfrage den Preis regeln. Nur der Bauernverband, Teile der Wissenschaft und der Milchindustrie versuchen wider besseres Wissen die Gesetzmäßigkeiten des Marktes außer Kraft zu setzen, indem sie trotz Überproduktion weiter auf Wachsen und Weichen um jeden Preis setzten. Die Gier nach Wachstum auf dem internationalen Milchmarkt vernebelt den Managern der Milchindustrie den Verstand ( siehe Finanzkrise). Die Folgen einer solchen Giermentalität trägt natürlich der Milchbauer.

Kannibalismus-Theorie soll umgesetzt werden

Um diese Kannibalismus-Theorie durchzusetzen (jeder gegen jeden), ist den Wachstumsfetischisten jedes Mittel recht. Regionen werden gegeneinander ausgespielt. „Fast“ jede Region erklärt sich (oder wird) zum Gunststandort (erklärt)und bläst zur Attacke. Die Milchindustrie garantiert den Milchlieferanten (nach heutigen Stand) die unbegrenzte Abnahme der angelieferten Milchmenge. Von Preisen wird in diesem Zusammenhang wohlweislich nicht gesprochen, denn das Risiko trägt einzig und allein der Milchbauer als schwächstes Glied in der Verwertungskette. Die Überproduktion wird dann, vielleicht über eine B-Quote, so Dr. Otto vom Raiffeisenverband, auf den Spotmarkt gebracht und beeinflusst den Weltmarktpreis negativ. Der Weltmarktpreis fällt natürlich wiederum durch das Überangebot und schlägt sich direkt auf den Milchgeldauszahlungspreis nieder. Im Klartext: „Die Spirale nach unten“ wir somit in Gang gesetzt. Nach dem Motto: Mal sehen, wer überlebt!

Die Nordmilch eG macht es vor – 300 Kühe je Betrieb ist das Ziel !

Mehr noch: Sie (die Milchindustrie) fordert von den Milchlieferanten eine weitere Intensitätssteigerung. Als Idealbetrieb, so ist im Geschäftsbericht der Nordmilch eG zu lesen, wird z.Z. der 300 Kuh-Betrieb angesehen. Das macht ja auch von Seiten der Milchindustrie Sinn, denn dadurch lassen sich die Erfassungskosten weiter senken. Ob man 19.000 kg/Milch je Betrieb erfasst oder nur 5.000 kg/Milch; in jedem Fall vermindert sich der Kostenfaktor „Milcherfassung“. Die Nordmilch eG könnte somit „ihre Milchlieferanten“ um zirka 80 % auf zirka 1.000 Lieferanten reduzieren. Mit dieser Strategie lassen sich erhebliche Erfassungs-und Verwaltungskosten einsparen.

Der kostendeckende Milchpreis bleibt auf der Strecke

Die Marschrichtung ist klar: Die Milchpreise müssen runter! Man will global mitverdienen. Auch die Missachtung der Gesetzmäßigkeit von Angebot und Nachfrage lässt nur einen Schluss zu, dass die Wachstumsfetischisten weiterhin auf Intervention und Exporterstattung setzen, die sie ja angeblich nicht mehr wollen. Hier werden sie von der Realität des Weltmarktes wieder eingeholt. In diesem Klima des Wachstumsfetischismus werden wohl die Milchauszahlungspreise an die Bauern auch 2010 kein auskömmliches Niveau erreichen. Anmerkung: Infolge der Überproduktion sind die „Butterpreise“ schon wieder gefallen).

Wie sieht es denn auf dem Weltmarkt aus?

Zunächst einmal ist festzustellen, dass die EU-Kommission ab Mai 2010 die Interventionsware wieder auslagern will. Dies wird, so ist zu vermuten, den Weltmarkt zusätzlich belasten. Ohne Ausfuhrbeihilfe wird das wohl nicht vonstattengehen. Betrachtet man die EU-Exporte der letzten Jahre in Drittländer, so ist festzustellen, dass die Exporte von Milchprodukten der EU in Drittländer kontinuierlich zurückgegangen sind. Lagen diese 2000 noch bei zirka 2,7 Millionen Tonnen, so betrugen sie 2008 nur noch zirka 2,3 Millionen Tonnen. In diesem Trend bewegen sich auch die deutschen Exporte. Desweiteren ist zu vermelden, dass China zunehmend als Exporteur von Vollmilchpulver auf dem Weltmarkt aufritt. Die Frage ist nur: Wann zieht China mit Prämienprodukten nach (Fonterra hilft schon kräftig mit)? Auch Fonterra setzt sich zunehmend im nahen Osten fest. Kurzum: Die Entwicklung des Weltmilchmarktes findet im Wesentlichen ohne EU-Beteiligung. statt. Der Grund liegt auf der Hand: Wir sind als Global-Player nicht wettbewerbsfähig. Mit zunehmender Liberalisierung des Milchmarktes – diese wir ja allseits gefordert- nimmt die Wettbewerbskraft der Milchindustrie als Global-Player ab. D.h. der Konkurrenzkampf auf dem „Europäischen Markt“ wird in Zukunft noch härter. Auch im Premium-Bereich, der immerhin auch international noch eine erträgliche Rendite abwirft, ist die Milchindustrie kaum vertreten. Lediglich 16% des Exportes werden in diesem Bereich umgesetzt. Vor diesem Hintergrund kann man von einer nachhaltigen Erholung des Welt-Milchmarktes wohl nicht sprechen. Im Gegenteil: Die Milchbauern müssen sich auf weitere Eigenkapitalverluste einstellen. Die Ideologie der Wachstumsfetischisten gleicht „Potemkinschen Dörfern“.

(Quelle: http://specht.over-blog.de/article-milchkrise-potemkinsche-dorfer-44321224.html)
 
Bauer Bernie  Am: 06.02.2010 13:17:55 Gelesen: 967# 7 @  
@ Richard Ebert [#6]

Dieser Beitrag ist alles in allem nur logisch und nachvollziehbar.

Die Mehrzahl der Milcherzeuger würde diesen Beitrag unterschreiben.

Warum soll er mit den sonst üblichen Meinungen nicht übereinstimmen ?

Mfg
BB
 
Richard Ebert  Am: 27.02.2010 11:06:41 Gelesen: 815# 8 @  
Es ist schon interessant was Karl-Dieter Specht in seinem Over-Blog veröffentlicht.

---

Milchkrise: Nichts ist beständiger als der (Meinungs-) Wandel - Ansichten von Verbandsfunktionären

Sonnleitner: Sonnleitner sagt für die kommenden Jahre weiterhin steigende Preise für landwirtschaftlichen Produkte voraus.

Quelle: Wirtschaftsmagazin Euro, Ausgabe März 2008)


Ein Jahr später: 21. März 2009

Sonnleitner bezeichnete die Entwicklung auf dem deutschen und europäischen Markt als katastrophal. Eine solch dramatische und bisher nie dagewesene Situation verlange nach schnellen und unkonventionellen Lösungen.

(Quelle: Badische Bauernzeitung vom 21.03.2009)


Sonnleitner:„ Der Weg des Bauerverbandes sei es, die unternehmerische Freiheit der Bauern zu verteidigen, ihre Stellung am Markt zu verbessern und gleichzeitig die Grundsicherung über beide Säulen der EU-Agrarpolitik zu Verteidigen.“

(Quelle: Land&Forst 02.07.2009)


Dazu: Und Jahr für Jahr, Jahrzehnt nach Jahrzehnt von der Europäischen Union oder der Bundesregierung zu verlangen, die Überschussmengen zu intervenieren oder per Exporterstattungen in alle Welt zu verramschen – in Anbetracht der steigenden Staatsverschuldung ist das kein Zukunftsmodell.

(Quelle: Landwirtschaftliches Wochenblatt Westfalen-Lippe, Ausgabe 49/2009)


Sonnleitner: Damit nicht genug: Vor kurzem legte Sonnleitner nach und bürstete die Bemühungen (gemeint sind mengenregulierende Maßnahmen) im Nachhinein als „poltische Luftnummer“ ab. Und den vielen Bauern, die angesichts der Milchpreis von 26-28 Cents je Liter nicht wissen, wie sie Dünger, Saatgut und anderes bezahlen sollen, schrieb er ins Stammbuch : „ Die Welt geht nicht unter, wir bleiben ein Milchstandort für bäuerliche Familienbetriebe trotz der aktuell bitteren Schmerzen, denn die Standortbedingungen in Deutschland und besonders in Bayern sind für die Milchprodukten gut.“

(Quelle: SZ v. 01.04.2009)

Sonnleitner: Zu Exportsubventionen: „Die europäische Agrarpolitik“, so Sonnleitner, „ treffe überhaupt keine Schuld an der weltweiten Hungerkrise. Die Länder, deren Bevölkerung keine ausreichende Ernährung haben, seien fast alle totalitären Staaten ohne funktionierendes Rechtssystem. Es gebe dort kein Recht auf Eigentum, diese können jederzeit vertrieben werden. Und das ist Schuld für Hunger, Not, Elend in der Welt und nicht die europäische Agrarpolitik und nicht die europäischen Bauern.“

(Quelle: Landesbauerntag in Brandenburg 2008)


Dazu Jean Ziegler (UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung): Ziegler hält die Landwirtschaftpolitik der EU für den wichtigsten Grund, dass die Zahl der am schwersten und dauerhaft unterernährten Afrikaner zwischen 1972 und 2002 von 81 Mio.- auf 203 Mio. angewachsen ist. Knapp eine Mrd. Menschen wohnen auf dem südlichen Nachbarkontingent.


DBV –Forderung: Der Ruf nach politischer Unterstützung für Milcherzeuger wird immer lauter. Der Präsident des Bauerverbandes, Gerd Sonnleitner, verlange in Schreiben an EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer-Boel und Bundesministerin Ilse Aigner eine deutliche Erhöhung der Exporterstattung.

Quelle: Badische Bauernzeitung vom 21.03.2009


Dazu: Und Jahr für Jahr, Jahrzehnt nach Jahrzehnt von der Europäischen Union oder der Bundesregierung zu verlangen, die Überschussmengen zu intervenieren oder per Exporterstattungen in alle Welt zu verramschen – in Anbetracht der steigenden Staatsverschuldung ist das kein Zukunftsmodell.

(Quelle: Landwirtschaftliches Wochenblatt Westfalen-Lippe, Ausgabe 49/2009)


(DBV – Verbandsbeirat: Die Präsidenten und Hauptgeschäftsführer der Landesbauernverbände haben heute auf einer außerordentlichen Sitzung härtere Töne angeschlagen. Sie haben erklärt, es sich nicht mehr gefallen zu lassen, “ vom LEH in die Knie gezwungen zu werden“, “ von ihren Marktpartnern, wie zum den Molkereien, verkauft zu werden“, und „von der Politik mit ihrer Betroffenheit alleine gelassen zu werden.“

(Quelle: Bayerisches Wochenblatt vom 07.05. 2009)


Dazu Theo Müller (Müller-Milch): Weder die Discounter noch die Molkereien sind dafür verantwortlich, ob der Milchpreis pro Liter 20, 30 oder 40 Cents beträgt. Der Milchpreis bildet sich ausschließlich über die Preise für Magermilchpulver und Blockbutter, und beides ist bei Aldi nicht zu haben.“

(Quelle: Milch & Markt vom 29.05.2009)


Dazu Manfred Nüssel (Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes:“ Die genossenschaftlichen Molkereien haben ihre Aufgaben gemacht.“

(Quelle: agrarheute.com vom 24.06. 2009)


Dazu v. Bötticher (Schleswig-Holstein): Die Misere am Milchmarkt ist kein Quotenproblem sondern dem Nachfrageeinbruch bei Milchprodukten geschuldet. Wir brauchen die Überlieferung, um die Liquidität auf den Betrieben zu sichern.

(Quelle: topagrar vom09.09.2009)


Anmerkung (1)

Es ist schon erstaunlich welche Theorien ein Fachminister entwickelt, um eine völlig irrationale Politik zu begründen. In diesem Zusammenhang spricht man nicht von Überproduktion sondern vom Nachfrageeinbruch. Um die Preise zu stabilisieren, so die Theorie des Ministers, begegnet man dem Nachfrageeinbruch nicht mit Produktionseinschränkung sondern mit Produktionsausweitung. Diese Produktionsausweitung führt zwangsläufig zu sinkenden Milchpreisen und damit zur Liquiditätssicherung der Milchviehbetriebe. So einfach kann eine Gleichung aufgebaut werden! Bei einem BWL-Studium hätte der Minister das erste Semester nicht überlebt.


Dazu passt eine dpa- Meldung vom 23.02.2010 ( Beispiel aus der Praxis)

Turin: Fiat hat ein Produktionsstopp verhängt. Begründung: Wegen der schlechten Auftragslage muss die Produktivität der Nachfrage angepasst werden.


Hessischer Bauerverband: „Wir hessischen Bauern und Milcherzeuger sind am Markt angekommen“, daran gebe es für ihn keinen Zweifel, sagte Friedhelm Schneider, Präsident des Hessischen Bauerverbandes und Vorsitzender der Landesvereinigung Milch, auf der Tagung „Milchproduktion in Hessen – ein ganzer Sektor in Bewegung“. „Wir haben nur eine Chance in der konsequenten Marktorientierung.“

Markus Lutter (FAL): Und das sind die Ergebnisse für Hessen: Bis zum Jahr 2013 wollen die befragten Betriebe ihre Herdengrößen von aktuell 178 Kühe um weitere 101 aufstocken. Das entspricht einer Steigerung von 57 Prozent.


Konsequenz: Von den zurzeit 4.500 Milchviehbetrieben müssen bis 2013 = 2000 Milchviehbetriebe aus der Produktion ausscheiden. Das sind immerhin 44 Prozent der heutigen Betriebe.

(Quelle: LW Heute vom 15.03.2009)

---

(Quelle und ausführlich weiter lesen: -> http://specht.over-blog.de/article-milchkrise-nichts-ist-bestandiger-als-der-meinungs-wandel-45703162.html)
 
  Antworten    zurück Suche   Druckansicht  
 

Ähnliche Themen

1458 10 23.03.10 08:12Richard Ebert 
632 13.01.10 11:55Richard Ebert 
498 08.01.10 08:10Richard Ebert 
1372 14.12.09 13:36Spekulatius_Maximus 
1026 27.11.09 09:00Torbi